Vietnam: Zwischen den Supermächten
- Vietnam steht im Handelskonflikt zwischen den USA und China.
- Vietnamesische Titel sind historisch niedrig bewertet.
- Auf Fünfjahressicht outperformen aktive Fonds passive Strategien.
Es ist nicht einfach für To Lam, den als Generalsekretär der Kommunistischen Partei de facto führenden vietnamesischen Politiker, zwischen den Supermächten USA und China zu stehen. Der südostasiatische Staat blieb vom harten Kurs des US-Präsidenten nicht verschont: Donald Trump verhängte Zölle in Höhe von 46 Prozentauf vietnamesische Importe. Lam reagierte umgehend, schließlich gehören die USA zur wichtigsten Exportregion für die aufstrebende Volkswirtschaft.
Nur wenige Tage später telefonierte er mit Trump und schlug unter anderem eine Abschafung der Zölle von vietnamesischer Seitevor. Ein Dokument des vietnamesischen Handelsministeriums soll nun belegen, dass das Land gegen die illegale Umwandlung von Waren in den Vereinigten Staaten vorgehen will. Mittlerweil pausieren die Zölle zwar auch in Vietnam, Anfang Juli läuft Trumps 90-Tage-Frist aber aus.
Auf der anderen Seite des Konflikts steht China, der zweite wichtige Handelspartner Vietnams. In einem Treen mit Chinas Präsident Xi Jinping vergangene Wocheschlossen die beiden Länder zahlreiche bilaterale Kooperationsvereinbarungen undvertieften damit ihre Handelsbeziehungen.
Xi sprach sich anschließend explizit für eine Stärkung der Lieferkettenzwischen denbeiden Staaten aus. „Vietnams Diplomatie, in alle Richtungen ofen sein zu wollen,einschließlich den USA und China, wird auf die Probe gestellt“, fasst Ulrich Stephan,Chefanlagestratege der Deutschen Bank, die Situation zusammen.
Dabei lief es so gut. Vietnam, das aktuell noch als Frontier-Marketgilt, also nochunterhalb der Schwellenländer eingestuft wird, will sich bis zum Jahr 2045 zu einemIndustriestaat entwickeln. Es soll weniger Bürokratie und mehr Spielraum fürInvestitionen geben.
Die Regierung peilt für das Jahr 2025 ein Wirtschaftswachstum von acht Prozent an,2024 erreichte das Land immerhin sieben Prozent. Die Weltbank ist mit ihrer Prognoseetwas zurückhaltender, errechnet dem Land für die Jahre 2025 und 2026 aberimmerhin ein Wachstum von 6,8 respektive 6,45 Prozent. „Begründet wurden diesehohen Wachstumsaussichten mit der Nachfrage und dem Export an technologischenProdukten“, erklärt Stephan. „Auch die Aussichten für ausländische Investitionen inden Standort Vietnam wurden als gut bewertet. Vietnam könnte stärker wachsen als dieasiatischen Nachbarländer, da es neben Exporten und Investitionen auch von einemstarken Binnenkonsum profitiert.“
Nun liegt es an Generalsekretär Lam, die Gratwanderung zwischen den zweiSupermächtenzu meistern. Gelingt ihm das, könnte das Land sogar vom Zollkonfliktprofitieren, weil dann vielleicht noch mehr Länder ihre Lieferketten diversifizieren undVietnam einbeziehen. Sollte er jedoch scheitern, drohen spürbare wirtschaftlicheSchäden: Immerhin machen US-Exporte rund 30 Prozent des Bruttoinlandsproduktsaus.
Die Unsicherheit spiegelt sich auch an der Börse wider. Der MSCI Vietnam Index, derdie 63 größten vietnamesischen Aktien berücksichtigt, steht derzeit fast ein Fünftelunter seinem zehnjährigen Bewertungsschnitt.
„Die Indizes reagieren auf die weltweite Verunsicherung aufgrund der Zölle, obwohl diegrößten Unternehmen nicht aus der Technologie kommen, sondern aus traditionellenBranchen wie Stahl, Immobilienentwicklung, Banken und Lebensmittel“, erklärtStephan. Mit Blick auf das historische Kurs-Gewinn-Verhältnis ist der MSCI Vietnamdennoch ambitioniert bepreist: Er kommt Ende März auf einen Wert von fast 18.
Für Privatanleger gestaltet sich das Handeln mit vietnamesischen Aktienkompliziert. Die meisten Broker haben keinen Zugang zur vietnamesischen BörseHo-Chi-Minh Exchange(HOSE). Zudem gelten Einzelaktien aus Frontier-Markets alsrisikoreich. Einen deutlich einfacheren Zugang ermöglichen Fonds.
Einer der größten und bekanntesten aktiv verwalteten ist der Lumen Vietnam FundderSchweizer Investmentgesellschaft Aquis Capital. Mit einem Volumen von 348 MillionenUS-Dollar gehört er zu den Schwergewichten der Branche und ist mit der Auflage imJahr 2012 vergleichsweise lange dabei.
In dieser Zeit kommt der Fonds auf eine annualisierte Rendite von 9,5 Prozent (Stand:31. März). In den vergangenen fünf Jahren lag die durchschnittliche jährliche Renditesogar bei stolzen 18 Prozent. Mit einem Ausgabeaufschlag von bis zu drei Prozent undlaufenden Kosten von 2,45 Prozent ist der Fonds aber nicht billig.
Etwas günstiger ist da der Galileo Vietnam Fundder LuxemburgerVermögensverwaltung IP Concept. Die laufenden Kosten betragen hier rund zweiProzent, mit einem Volumen von knapp 86 Millionen US-Dollar ist der Fonds aberdeutlich kleiner. Auch performancemäßig kann der Galileo-Fonds mit einerannualisierten Rendite von 14 Prozent über die vergangenen fünf Jahre nicht ganzmithalten.
Eine passive Alternative bildet der ETFXtrackers FTSE Vietnam Swap, der denAktienindex FTSE Vietnam Index synthetisch nachbildet. Er ist mit einerPauschalgebühr von 0,85 Prozent deutlich günstiger als die aktiven Fonds und liegt miteinem Fondsvermögen von 265 Millionen US-Dollar zwischen den beiden aktivenAngeboten.
In Sachen Performance allerdings hinkt der ETF hinterher: Er verlor aufFünfjahressicht im Schnitt 1,2 Prozent pro Jahr. Es scheint, dass aktives Managementgerade in illiquiden Märkten wie Vietnam noch einen echten Mehrwert bieten kann.
Quelle: von Selma Schmitt, Handelsblatt
Foto: AFP